Themenführungen, November 2014 bis Januar 2015

 

Konzepterstellung von Olaf Mextorf, beauftragt von der Bundeskunsthalle Bonn.

 

Außer der Reihe möchte ich Ihnen an dieser Stelle einige Informationen zu den Themenführungen im Rahmen der Ausstellung „Targets“ von Herlind Koelbl weitergeben.

 

1. Kurzbiographie Herlinde Koelbl

2. Zum Werk

3. TARGETS – Genese eines Projekts

4. Themenführungen:

     4.1 „Im Visier: Wer ist der Feind“

     4.2 „Beruf Soldat: Die lebebenden Ziele“

5. Wandtexte in der Ausstellung

6. weiterführende Links

1. Kurzbiographie

– Herlinde Koelbl zählt zu den renommiertesten deutschen Fotokünstlern

– Werk vor allem durch fotografische Langzeitprojekte charakterisiert (oft ergänzt durch tiefgehende Gespräche)

– geboren 31. Oktober 1939 in Lindau am Bodensee

– lebt und arbeitet in Neuried bei München

– 1960 Modestudium in München

– ab 1976 Fotografin (Autodidaktin)

– arbeitete u.a. für den Stern, die Zeit und die New York Times

– der Bildband „Das deutsche Wohnzimmer“ (1980) macht sie bekannt.

– es folgen u.a. die Bildbände „Männer“ (1984), preisgekrönt 1989 „Jüdische Porträts“, „Starke Frauen“ (1996) und „Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“ (1999), ein Bildband, der u.a. die Veränderungen von Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder zwischen 1991 und 1998 zeigt

– 2009 zusammenfassend das Werk „Mein Blick

– parallel zu ihren Büchern und Ausstellungen veröffentlicht sie häufig auch themengleiche Dokumentarfilme und Videoinstallationen

http://www.dhm.de/fileadmin/medien/relaunch/presse/pressemappen/2014/DHM_TARGETS_Pressemappe_deutsch_1.pdf

 

2. Zum Werk

„Menschen sind unberechenbar“ antwortete Herlinde Koelbl einmal auf die Frage warum sie keine Berge oder Landschaften fotografiere. Die Antwort sagt etwas aus über Herlinde Koelbls Werkansatz, denn bei ihr steht der Mensch im Mittelpunkt. Das Verstehen eines Gegenüber in seiner Bedingtheit zwischen Sein und Schein, unter den vielfältigen Bedingungen des täglichen, oft mühsamen Lebens ist ihr Thema.

Seit bald vierzig Jahren erforscht Herlinde Koelbl Lebens- und Verhaltensmuster ihrer Mitmenschen. Unbequem ist sie, hartnäckig und fordernd fragend. Zwar stehen Neugier und Interesse immer am Anfang, doch was den Arbeiten ihre dauerhafte Gültigkeit verleiht, hat viel zu tun mit einem durch und durch respektvollen Umgang mit dem Gegenüber.

Ganz gleich ob sie den Mitmenschen im geschüzten Raum des heimischen Wohnzimmers zeigt oder Holocaust-Überlebende fotografisch nach deren Schicksalen befragt, die Arbeiten sind immer Zeugnisse eines intensiven Erlebens der Fotografin – UND: für den Betrachter nachvollziehbar. Die Empathie der Fotografin überträgt sich mittels ihrer Werke auf den Betrachter.

Vielleicht ist es diese Empfindsamkeit, die Vertrauen schafft. Denn Vertrauen muss es geben, wenn sich hochrangige Politiker über fast eine Dekade immer wieder dem fotografischen Blick von Herlinde Koelbl stellen, wenn sie mittels des Porträts ihrer Selbst ihr innerstes Wesen zeigen.

http://archiv2.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/11_gropiusbau/mgb_rueckblick/mgb_rueckblick_ausstellungen/mgb_rueckblick_ausst_2009/mgb09_aus-archiv_ProgrammlisteDetailSeite_11395.php

 

3. TARGET – Genese eines Projekts

Herlinde Koelbl fotografierte ihr erstes TARGET vor über dreißig Jahren. Das Schießziel war eine zerschossene, durchlöcherte Blechfigur in einer Ackerfurche – für die Fotografin ein Symbol für Gewalt und Tod, aber auch von hohem ästhetischen Reiz. Dieses Foto – das übrigens nie publiziert wurde – zeigt sie jetzt erstmals und macht es zum Ausgangspunkt, zum Nukleus der Ausstellung von dem aus sich die Präsentation entwickelt.

Vor sechs Jahren nahm sie das Thema der Zielscheibe wieder auf und begann ihr internationales Fotoprojekt TARGETS. Herlinde Koelbl bereiste fast dreißig Länder, um die Ziele zu dokumentieren, auf die Soldatinnen und Soldaten weltweit konditioniert werden zu schießen.

Im Rundgang machte Frau Koelbl nochmals deutlich, dass es ihr um ein internationales Projekt gehe. Alle Kontinente mit Ausnahme von Australien sind einbezogen (die Verhältnisse in Australien sind allerdings in vielen Aspekten mit denen Großbritanniens vergleichbar – bis hin zu den Zielscheiben). Oft war es schwierig die erforderlichen Erlaubnisse zum Besuch der Truppenübungsplätze zu bekommen, aber selbst in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in China gewährte man ihr schließlich den Zugang. Einzig Nordkorea verweigerte die Zusmmenarbeit.

Auf meine Frage, wie es denn sein könne, dass sonst doch so unzugängliche Militärs sich zur Öffnung heikler Orte beriterklären, sagte Frau Koelbl, dass man eben hartnäckig sein müsse und Geduld brauche. Auch gute (und wie ich vermute b9sweilen sehr gute) diplomatische Verbindungen sind unabdingbar.

Herlind Koelbl beschreibt 8in lohren Arbeiten u.a. wie sehr sich das Schießtraining in technisch hochentwickelten Ländern von dem in Entwicklungsländern unterscheidet: technisch hochgerüstete, computergesteuerte Simulationssysteme hier, auf das Elementarste wie Kreise, ein Stein, eine Dose reduzierte Ziele dort.

Auf ihren Reisen sucht die Fotografin das Gespräch mit den Soldaten und Soldatinnen, das oft auch aufgezeichnet wird (s. Hörstationen). Eine Vielzahl von Zitaten (ohne Angaben von Namen, Nationalität und Dienstrabg) gibt in der Ausstellung verteilt Auskünfte über die Verfasstheit der Betroffenen, über Einstellungen, Beweggründe und Ängste.

Die alles entscheidende Frage muss natürlich lauten: „Wer ist der Feind?“ Und die Antwort ist einfach: „Der Feind ist der andere.“ Nur wer sich auf der richtigen Seite weiss, ist auch bereit zu sterben. Aber wie sieht es mit dem Töten aus. Das erweist sich als schwieriges Geschäft, das erlernt werden will. Das Schießen zu üben ist auf jeden Fall zu wenig, denn, wie ein Ausbilder erklärt: „Sie sollen nicht lernen zu schießen, sondern zu treffen“ (Kat. „Targets“, 9).

Ein ISAF-Soldat (International Security Assistance Force) in Afghanistan legt eine gewisse „professionelle“ Abgeklärtheit an den Tag, wenn er sagt: „Ich bin bereit, jemanden zu erschießen, aber auch erschossen zu werden. Das gehört zu meinem Beruf!“

 

4. Themenführungen

Die Themenführungen „Im Visier: Wer ist der Feind“ und „Beruf Soldat: Die lebenden Ziele“ bilden inhaltlich gleichsam die zwei Seiten einer Medaille ab. So hat Herlinde Koelbl sich erst im Verlauf ihrer Arbeit an dem Projekt Targets dazu entschlossen, ihr Konzept dahingehend zu erweitern, dass sie auch Fotos von Soldaten und Soldatinnen in den Werkkomplex integrierte, da die Soldaten eben nicht nur Schützen sind, sondern immer auch Ziele. Für die Fotografin ausschlaggebend war ein Erlebnis, dass sie in einem Interview im ZEITmagazin wie folgt beschreibt:

ZEITmagazin: Wie muss man sich das Training mit Simulationssystemen vorstellen?

Koelbl: Der Soldat, seine Waffe, die Fahrzeuge, möglichst alles wird elektronisch vernetzt, es sind Sensoren angebracht, die melden, wenn man getroffen wird. Der Soldat schießt direkt auf die Kameraden, die den Feind spielen, und dann sieht man in der Zentrale sofort: Wer wäre im Ernstfall wo wie schwer getroffen, wer wäre verletzt, wer tot, wer könnte noch schießen? Ein Kommandeur erzählte mir, dass er gleich am Anfang eines dreitägigen Simulationstrainings tödlich getroffen wurde. Das hat ihn sehr verstört. Er hat sich immer wieder gefragt: Was habe ich falsch gemacht? Was macht mein Bataillon jetzt ohne mich? Was würde meine Familie ohne Mann und Vater anfangen? Gott sei Dank bin ich wieder zum Leben erweckt worden, sagte er. Als ich diese Simulationssysteme gesehen habe, habe ich mein Konzept noch einmal abgeändert.

ZEITmagazin: Warum?

Koelbl: Mein Konzept war, Schießziele zu fotografieren. Doch wenn mit Simulationssystemen trainiert wird, schießt man nicht auf Pappfiguren, sondern auf Menschen. Das hat mich irritiert, weil es neu für mich war. Aber dann dachte ich, natürlich, in der letzten Konsequenz sind immer die lebenden Soldaten die Ziele. Aus diesem Grund habe ich dann auch in allen Ländern Soldaten porträtiert.

http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/19/herlinde-koelbl-fotografie-targets-schiessziele/seite-2

Dreimal bin ich getötet worden, als Kommandeur eines Bataillons und in vorderster Reihe. Wir übten mit dem Simulationssystem. Gleich zu Beginn war ich tot. Das war schrecklich für mich. Ich dachte, wie geht es dem Bataillon ohne mich? Wie geht es der Familie ohne Mann und Vater? Welche Fehler habe ich gemacht? Ich war sehr, sehr verstört. Doch ich wurde wieder zum Leben erweckt. (Zitat Wandtext)

Vergleiche hierzu auch Kat. „Targets“, 120f.

4.1 „Im Visier: Wer ist der Feind“

Als Einstieg für die Themenführung „Im Visier: Wer ist der Feind“ könnte die dem Eingang gegenüberliegende Fotowand mit einer Vielzahl von Porträts dienen. Fragestellung z.B.: „Da also ist der Feind, auf den zu schießen der Soldat mittels TARGETS üben soll – und muss.“

Ich habe nie Schuld empfunden, Leute zu töten, die den Tod verdienten. In meinen Augen haben sie den Tod verdient, weil sie der Feind sind. Ich bin darauf trainiert, so zu denken. (Zitat Katalog)

Aus dieser Aussage ergibt sich eine Antwort auf die Frage welche Funktion TARGETS haben. Das Schießen zu üben ist auf jeden Fall zu wenig, denn, wie ein Ausbilder erklärt: „Sie sollen nicht lernen zu schießen, sondern zu treffen“ (Kat. „Targets“, 9).

„Das Töten mit der Schusswaffe wird durch einen Zustand erreicht, den wir Muskelmemory nennen, nicht durch das Gehirn“ beschreibt es ein Special-Forces-Soldat der Fotografin (Kat. „Targets“, 10). Herlinde Koelbl zitiert dann einen Ausbilder der Special-Forces: „Es klingt grausam, aber das Töten lernen muss automatisiert werden, um zu funktionieren“ (ebd.).

Und in der Tat deckt sich eine solche Aussage auch mit der Zentralen Dienstvorschrift (ZDv) 10/1 der Bundeswehr: „Denn der militärische Auftrag erfordert in letzter Konsequenz, im Kampf zu töten und dabei das eigene Leben und das von Kameraden einzusetzen.“

Und weiter: „ Hinzu kommt in heutigen Einsätzen der erforderliche rasche Rollenwechsel vom Kämpfer im Gefecht hin zum zivilen Akteur gegenüber der Bevölkerung als Beschützer, Helfer, Retter und Vermittler. Diese Rollen nacheinander oder gar gleichzeitig wahrzunehmen, stellen einen nahezu unlösbaren Spagat im Zusammenspiel paradoxer Anforderungen dar. Dies erfordert unter anderem eine ausgeprägte ethische Kompetenz.“

Es ist die eine Sache, wenn man bloß auf Papierscheiben schießt. Es ist aber etwas anderes, wenn ein Gesicht auf der Zielscheibe ist oder wenn die Figuren eher so aussehen, wie die Leute, gegen die man kämpft. Man nimmt die Sache dann viel ernster. Wir üben ständig, den Bösewicht zu erschießen und dem Guten kein Haar zu krümmen. Diese Art der Ausbildung zahlt sich am Ende aus, weil man dann besser entscheiden kann. (Zitat Katalog)

So fotografierte Herlinde Koelbl zwei nahezu identische TARGETS in der Schweiz. Unterschied: das eine Mal trägt das Gegenüber eine auf uns gerichtete Waffe, das andere Mal eine Colaflasche. Es gibt, so Frau Koelbl, noch weitere Variante mit Regenschirm oder einem Pass. Die Soldaten und Spezialkräfte sollen blitzschnelles Reagieren trainieren, um Gefahrensituationen praktisch automatisiert zu erkennen.

Der Realitätsgewinn durch Simulationssysteme führt zu einem gehörigen Schreck. Gegebenenfalls kann ein Hinweis auf eine Arbeit von Harun Farocki gegeben werden, der sich mit den traumatischen Erfahrungen amerikanischer Soldaten befasst (Kat. „Nur hier!“, Bundeskunsthalle, 66 f.).

In Deutschland wird z.B. genauso auf bewaffnete Zivilisten geschossen, wie im Libanon (Kat. „Targets“, 51) auf pin-up-girl-artige Angreiferinnen (s. Plakatmotiv der Ausstellung). Wird durch solch ein sexuell aufgeladenes „Angriffsziel“ ein religiös eingefärbtes Ressentiment sichtbar? Die unsittliche westliche Frau als Feindbild? Und in Polen? Die stilisierte kopftuchtragende Frau wird hier zum Ziel (Kat. „Targets“, 210/211). In Deutschland trainieren die Amerikaner in arabisch anmutenden Gebäuden den Häuserkampf, Räumlichkeiten sind mit orientalischen Teppischen ausgelegt, ein Teeservice steht auf dem flachen Tisch in der Mitte des Raumes. Eine einladende Szenerie, die so gar nichts Feindliches hatan, sondern wie eine einladende Geste wirkt.

 

Es gab einen Fall, da haben meine Jungs, wahrscheinlich auf meinen Befehl hin, die falschen Leute erschossen. Ich grüble noch immer, wer sie waren, was aus ihnen hätte werden können. Das geht nie mehr weg. (Wandtext)

Als Vorgesetzter gibst du ein Beispiel und darfst nichts durchgehen lassen. Du musst die Welt so weit wie möglich in Schwarz und Weiß aufteilen und dabei Grau vermeiden, denn bei Grau kriegst du Probleme. Gräueltaten sind immer die Folge von Führungsversagen. (Zitat Wandtext)

Man führt durch Vorbild: Die Soldaten machen nichts, was du nicht auch machst. (Zitat Wandtext)

 

4.2       „Beruf Soldat: Die lebenden Ziele“

Als Einstieg für die Themenführung „Beruf Soldat: Die lebenden Ziele“ bieten sich ebenfalls die ausgewählte Porträts der Soldaten und Soldatinnen im Eingangsbereich an, denn hier lassen sich vielleicht schon Rückschlüsse auf die Befindlichkeiten der Dargestellten ziehen. Fragestellung evt.: „Sieht so ein Feind/Feindbild aus?“ oder anders formuliert „So sieht der Feind aus!“

Die Fotografien der Soldaten und Soldatinnen geben dem Feind ein Gesicht, eine Mimik, werden zu einem Gegenüber, dem man seine Herkunft, sein Alter, sein Geschlecht, vielleicht sogar seine Befindlichkeit ansehen kann.

Unter den Porträts befinden sich auch zwei TARGETS – aus Deutschland stammende, zerschossene Gesichter mit blassem Kunststoffteint – und zwei Bildnisse von Kämpferinnen von Befreiungsbewegungen: eine PKK-Kämperin (PKK = Arbeiterpartei Kurdistans; Partiya Karkerên Kurdistan) aus dem Nordirak und eine Kämpferin der Polisario aus der Westsahara (Frente Polsario = Volksfront zur Befreiung der ehemals spanischen Provinz Westsahara). Herlinde Koelbl ist die Aufnahme dieser Befreiungsbewegungen in den Kreis „regulärer“ Armeen wichig. Hier wird auch schon angedeutet, dass wir es immer mehr mit sogenannten „asymmetrischen“ Kriegen zu tun bekommen werden.

Angesichts dieses menschlichen Gegenübers verliert sich das kultivierte Feindbild rasch und lässt sich oft nur mühsam und nur durch massive, ständig wiederholte Propaganda aufrechterhalten. Wie also lassen sich Feindbilder besser abbauen, als durch Kenntnis des Anderen, seiner Geschichte, Träume, Ängste. Wissen und Bildung dürften die Grundlagen einer solchen praktischen Friedenserziehung sein.

Einen Ansatz zu einer friedlichen Neuordnung auf der Grundlage einer ständig weiterführenden politischen Debatte erörtert Gerry Adams, Präsident der irischen Partei Sinn Féin in einem lesenswerten Katalogbeitrag. Adams kennt die gewaltbereite wie die friedenssuchende Seite des irisch-britischen Konfklits, der ihn selbst bis zum heutigen Tag begleitet.

 

5.         Wandtexte

5.1       Orts- und Häuserkampfanlagen

Der Krieg hat sich verändert: Heute ist der Gegner oft nicht mehr eindeutig als Feind erkennbar. Die meist asymmetrisch geführten Kriege werden nicht auf Schlachtfeldern, sondern in Städten und Dörfern ausgetragen. Deshalb entstehen in vielen Ländern Geisterstädte, die nur dem militärischen Training dienen.

Die Anlage im Ausbildungszentrum Fort Irwin/Kalifornien wurde von Hollywood-Designern entworfen: Moscheen mit goldenen Kuppeln überragen die Häuser, ein Lamm hängt beim Metzger am Haken, Fleisch liegt auf dem Hackstock. Die Soldaten werden dort mit der realen Umgebung ihres nächsten Auslandseinsatzes vertraut gemacht.

In Deutschland wird in einem Dorf mit Fachwerkhäusern trainiert; Im französischen Sissonne entstand eine neue Anlage mit Dorfplatz und Läden. Dort tragen die Straßen auch deutsche Namen wie „Berliner Straße“ oder „Universitätsstraße“ – obwohl zwischen Frankreich und Deutschland seit über einem halben Jahrhundert Frieden herrscht.

Wer ist der Feind, wenn Soldaten in Häuserkampfanlagen auf den Kriegseinsatz vorbereitet werden?

5.2      Videoinstallation

»Sie sollen nicht lernen zu schießen, sondern zu treffen«, so lautet die Theorie eines Ausbilders.

Doch es gibt eine natürliche Tötungshemmung im Menschen, wie Dave Grossman in seinem Buch On Killing beschreibt. Durch Training soll eine Desensibilisierung erreicht werden.

Das Töten mit der Schusswaffe wird durch einen Zustand erzeugt, den wir Muskelmemory nennen, nicht durch das Gehirn, meint ein Special-Forces-Soldat.

Sobald du anfängst nachzudenken: soll ich schießen, er oder ich, ist es schon zu spät und du bist tot. Nicht nur das Töten des Feindes, sondern auch das eigene Überleben wird somit wahrscheinlicher.

 

Herlinde Koelbl fotografierte ihr erstes TARGET vor über dreißig Jahren. Das Schießziel war eine zerschossene, durchlöcherte Blechfigur in einer Ackerfurche – für die Fotografin ein Symbol für Gewalt und Tod. Vor sechs Jahren nahm sie das Thema wieder auf und begann ihr internationales Fotoprojekt TARGETS. Herlinde Koelbl bereiste fast dreißig Länder, um die Ziele zu dokumentieren, auf die Soldatinnen und Soldaten weltweit konditioniert werden zu schießen.

Wie ist der Feind dargestellt, den sie später töten sollen? Ist er eine abstrakte Figur? Oder hat er ein Gesicht? Wenn ja, wie sieht es aus? Zeigen die TARGETS kulturelle Unterschiede? Haben sich die Feindbilder verändert?

Ein US-Soldat berichtete, er sei noch an der »Iwan-Figur mit einem roten Stern am Helm« ausgebildet worden: Der Feind war die Sowjetunion. Heute gibt es stattdessen orientalisch gekleidete Zielfiguren. Wer ist der Feind? Von welcher Seite sehe ich den Feind? Jeder glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen.

In der Realität des Krieges sind immer die Soldaten das Ziel, deshalb porträtierte Herlinde Koelbl auch sie: Die lebenden Ziele.

 

Zitate Beteiligter:

Ich habe nie Schuld empfunden, Leute zu töten, die den Tod verdienten. In meinen Augen haben sie den Tod verdient, weil sie der Feind sind. Ich bin darauf trainiert, so zu denken.

Es klingt grausam, aber das Töten lernen muss automatisiert werden, um zu funktionieren.

Solange es Menschen gibt, wird es auch Krieg geben. Ich halte es für schlichtweg naiv zu glauben, es könnte jemals eine Zeit ohne Kriege geben.

Soldat sein ist ein besonderer Beruf, er steht über allen anderen; weil wir schwören, für unser Land zu sterben.

Meine Kameraden stehen mir näher als meine Familie. Ich habe einige verloren und das war schmerzlicher als der Verlust eines Familienangehörigen.

Es bringt mich fast um, wenn ich nach einem Einsatz wieder alleine zuhause bin. Ich kann die Stille nicht ertragen. Deswegen mache ich immer das Radio oder den Fernseher an.

Es gab einen Fall, da haben meine Jungs, wahrscheinlich auf meinen Befehl hin, die falschen Leute erschossen. Ich grüble noch immer, wer sie waren, was aus ihnen hätte werden können. Das geht nie mehr weg.

Als Vorgesetzter gibst du ein Beispiel und darfst nichts durchgehen lassen. Du musst die Welt so weit wie möglich in Schwarz und Weiß aufteilen und dabei Grau vermeiden, denn bei Grau kriegst du Probleme. Gräueltaten sind immer die Folge von Führungsversagen.

Es ist die eine Sache, wenn man bloß auf Papierscheiben schießt. Es ist aber etwas anderes, wenn ein Gesicht auf der Zielscheibe ist oder wenn die Figuren eher so aussehen, wie die Leute, gegen die man kämpft. Man nimmt die Sache dann viel ernster. Wir üben ständig, den Bösewicht zu erschießen und dem Guten kein Haar zu krümmen. Diese Art der Ausbildung zahlt sich am Ende aus, weil man dann besser entscheiden kann.

Wir glaubten, wir könnten ihn noch retten, aber… Ich war ihm sehr nah. Es war schon aufwühlend, sein Blut an den Händen zu haben. Mir fällt es aber nicht schwer, weiterzumachen. Weil ich weiß, dass ich einen Auftrag habe und dass andere auf mich zählen.

Krieg ist die Schachpartie der Politiker und wir sind die Figuren.

Vom Vorabend des Angriffs ist mir so richtig der Geruch der Angst in Erinnerung. Die chemischen Vorgänge im Körper verändern sich. Es ist ganz auffällig. So erging es der gesamten Kompanie.

Ich würde für die Kameraden mein Leben geben. Das ist zwar eine schwere Entscheidung, aber ich würde es tun. Ich habe Frau und vier Kinder, eine gute Familie, aber ich würde es machen. Weil das Schuldgefühl, nicht geholfen zu haben oder sich nicht geopfert zu haben, viel schwerer auf einem lastet als das Opfer an sich.

Im Irak zielte ein Junge mit dem Gewehr auf uns und wir haben ihn erschossen. Später fanden wir heraus, dass die Waffe nicht geladen war. Da fragt man sich dann schon: War das richtig, was du getan hast? Man versucht, solche Gedanken zu unterdrücken. Aber sie kommen immer wieder.

Wenn das Adrenalin steigt, entsteht so ein bestimmtes Gefühl. Das Herz rast, man wird wacher und das Bewusstsein wird schärfer. Es entsteht ein Gefühl von großer Energie. Das ist wie ein Schub und geht ganz schnell.

Ich friere in meinem Gedächtnis ein, wie es zuhause war, als ich wegging und hätte gern, dass es dort nach meiner Rückkehr noch genauso aussieht. Aber es ist nicht mehr so. Das Leben ist weitergegangen.

Ich hätte die Jungs schützen sollen. Ich hätte es kommen sehen müssen. Ich hätte mir das denken können und einen Plan haben müssen. Solche Schuldgefühle belasten dich auf ewig.

Im Kampf hat man nur ein einziges Gefühl: Euphorie. Das ist der Lohn für die Nähe des Todes.

Kämpfen, Schlafen, Essen. Kämpfen, Schlafen, Essen. Kämpfen, Schlafen, Essen.

Man schläft, kämpft, lebt zusammen, es sind Erfahrungen, die man niemals sonst zusammen macht. Es hat auch etwas Primitives, Archaisches.

Als Soldat bin ich bin bereit, jemanden zu töten, aber auch, getötet zu werden. Das gehört zum Geschäft.

Als Panzerkommandant hoffe ich nur, dass wir treffen. Weiter denke ich nicht. Wenn ich weiterdächte, würde es mich innerlich auffressen.

Dreimal bin ich getötet worden, als Kommandeur eines Bataillons und in vorderster Reihe. Wir übten mit dem Simulationssystem. Gleich zu Beginn war ich tot. Das war schrecklich für mich. Ich dachte, wie geht es dem Bataillon ohne mich? Wie geht es der Familie ohne Mann und Vater? Welche Fehler habe ich gemacht? Ich war sehr, sehr verstört. Doch ich wurde wieder zum Leben erweckt.

Der antrainierte Killerinstinkt ist etwas, das jederzeit wieder erweckt werden kann.

Töten gehört zum Geschäft.

Mich haben Ruhm und Ehre zum Militär gezogen. Ich wollte Teil der Geschichte meines Landes werden.

Wenn ich beim Training auf das Bild einer Frau mit Baby im Arm schieße, ist das halt nur eine Zielscheibe. Wenn aber eine Darstellerin mit Kind in der Landschaft steht und man ihr mit einer Farbpatrone auf die Brust schießt, dann begreift man, dass man gerade eine völlig unschuldige Frau getötet hat.

Je härter es wird, umso mehr komme ich in Fahrt. Da fängt das Blut an zu kochen.

Ich fühle mich schuldig, wenn jemand aus meiner Einheit getötet wurde. Du stellst dein gesamtes Handeln in Frage.

Es ist faszinierend, eine Waffe in der Hand zu halten. Sie gibt dir Macht.

Ich war dreimal im Irak. Ohne Pillen kann ich nicht mehr schlafen.

An meinen extremen Erlebnissen kann ich meine Frau nicht teilhaben lassen. Sie kann sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn mir die Kugeln um den Kopf pfeifen.

Ich wollte mich in besonderen Situationen beweisen und lernen, aus welchem Holz ich bin.

Ich bewunderte meinen Großvater. In Uniform sah er sehr beeindruckend aus. Deshalb wurde ich auch Soldat.

Sobald du nachdenkst: soll ich schießen, er oder ich, ist es schon zu spät und du bist tot.

Den Leichengeruch habe ich immer wieder mal in der Nase. Ich werde ihn nie vergessen.

Als ich zum ersten Mal einen Menschen erschoss, schlug mein Herz schneller und ich habe etwas geschwitzt.

Das Töten mit der Waffe wird durch einen Zustand erzeugt, den wir Muskelmemory nennen, nicht durch das Gehirn.

Es ist ein Märchen, dass der Erste auch der Schwerste sei. Für mich war das überhaupt nicht schwer.

Das Leben wird ganz einfach: Überleben, die töten, die dich töten wollen. Das ist weder blutrünstig, noch etwas, worauf ich stolz bin.

Man führt durch Vorbild: Die Soldaten machen nichts, was du nicht auch machst.

Ich versuche die Soldaten so auszubilden, dass sie auch in zwanzig Jahren noch stolz darauf sein können, die moralisch richtigen Entscheidungen getroffen zu haben.

Am besten geht es mir, wenn ich aus dem Einsatz komme und alle meine Jungs heil zurückbringe. Dann geht es mir richtig gut.

Das Allerwichtigste ist, wenn man nach Hause kommt, mit der Familie Geduld zu haben. Du bist nicht wichtig. Wichtiger ist, nicht im Weg zu stehen.

Ich möchte im Gefecht sterben, nicht bei einem Autounfall in der Heimat. Denn dafür werde ich bezahlt. Es ist meine Pflicht, und es ehrt meine Familie.

Nie bist du lebendiger als im Angesicht des Todes.

 

Interview im Film zur Ausstellung in Berlin:

http://followamuseum.de/herlinde-koelbl-schiesst-sich-in-die-bundeskunsthalle-bonn/

 

links  zur Ausstellung in Berlin

http://www.dhm.de/fileadmin/medien/relaunch/presse/pressemappen/2014/DHM_TARGETS_Pressemappe_deutsch_1.pdf

http://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellung-targets-von-herlinde-koelbl-im-fadenkreuz-1.1957001

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/herlinde-koelbl-targets-deutsches-historisches-museum-dhm-berlin-a-967935.html

http://www.herlindekoelbl.de/pdf/ZM_April_2014.pdf

http://www.theguardian.com/artanddesign/2014/jun/18/herlinde-koelbl-targets-photography-war

 

links zum Werk und weiteren Ausstellungen

http://www.herlindekoelbl.de/books.php?id=3&section=1&img=1

http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2010/28415791_kw03_koelbl_eroeffnung/200712

http://archiv2.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/11_gropiusbau/mgb_rueckblick/mgb_rueckblick_ausstellungen/mgb_rueckblick_ausst_2009/mgb09_aus-archiv_ProgrammlisteDetailSeite_11395.php

http://www.welt.de/kultur/article4131612/Herlinde-Koelbl-die-Meisterin-von-Schein-und-Sein.html

http://www.art-magazin.de/fotografie/54659/herlinde_koelbl_interview

http://www.taz.de/!37732/